Vaterlandsverräter
Dokumentarfilm, Deutschland 2011, 97 Minuten, Regie: Annekatrin Hendel
Als ich aus der Vorführung von Vaterlandsverräter herauskam, hallten die Worte von Paul Gratzik noch immer in meinem Kopf wider: „Für wen halten Sie sich, dass Sie mir von Moral erzählen? Ich habe keine Moral… Oder zumindest nicht Ihre!“ Die erste Szene von Vaterlandsverräter zückt das Porträt eines wütenden Mannes, ein unförmlicher Agent der Stasi während des Kalten Krieges. Ein Verräter, das war der Schriftsteller vielleicht. Gegenüber seinen Kollegen und Freunden, die er beim Sicherheitsdienst der DDR denunziert hat. Gegenüber seinem „Vaterland“, welches er ausspioniert hat und dann ablehnte, als er sich gegen die Methoden wendete, denen er nicht mehr zustimmte. Je mehr die Dokumentation voranschreitet, desto mehr entfernt sich der Mann, der uns präsentiert wird von diesem Bild des Denunzianten. Derjenige, den wir auf dem Bildschirm sehen, ist kein Verräter, sondern ein Mann, der seine Werte mit denen eines Systems im Zerfall verknüpft hat. Dieses Porträt lässt den Zuschauer in die Intimität eines Poeten eintauchen, in seine Inspiration, sein Leben; eine Existenz auf der Lauer, dessen Prägung sich nunmehr im kollektiven Gedächtnis ansiedelt.
Interview mit Annekatrin Hendel, Regisseurin des Films
Seit 2004 habe ich mich an Kinoproduktionen gewagt. Bernd-Gunther Nahm, Direktor des Kommunalen Kinos im Haus in Kiel, hat mir sehr bei der Finanzierung des Filmes geholfen, da es nicht einfach war Fördermittel zu erhalten. Ursprünglich bin ich eine Szenografin mit einer Leidenschaft für Literatur. Wie andere junge Leute, organisierten und schwelgten wir in Lesungen. Im Rahmen eines Theaterstücks von Paul Gratzik, habe ich mich zu seiner kleinen Farm in der Uckermark in Brandenburg begeben. Bei der ersten Begegnungen hat er mich mit „Willkommen bei der Stasi“, begrüßt. Paul hat ziemlich schnell zugegeben, dass er dort gearbeitet hat, obwohl es nicht üblich ist, solche Bekenntnisse zu machen. Zudem war ich erstaunt, als ich erfuhr, dass er bedroht worden ist und gleichzeitig mehrfach verfolgt und beobachtet wurde. In den letzten Jahren fühlte er sich noch immer eingesperrt. Paul ist hingegen eine leidenschaftliche Person, exzentrisch, der seine eigene Existenz fest im Griff hat. Ab 1960 ist es der Stasi gelungen zahlreiche Künstler zu rekrutieren. Gewiss, ohne sein Engagement beim Kontrollorgan, wäre es Paul Gratzik ohne Zweifel nicht gelungen so viele Werke zu veröffentlichen. Aber vor allem war er ein Dissident, dem man zahlreiche Sozialkritiken am Regime der DDR zu verdanken hat.
Der Eindruck der Öffentlichkeit
Der Film hat die Frage nach der Denunziation in den 40er Jahren in Frankreich hervorgerufen. Daher fühlt man sich von dem Thema betroffen. Dieser Film zeigt, dass nichts nur schwarz oder nur weiß ist und dass es manchmal schwierig ist, das Gute vom Schlechten zu unterscheiden.