FRANCE | Kommerz vertreibt das Stadion

01/04/09 | Timo Euteneuer

Zu klein, zu alt, zu wenig „Bling-Bling“. Die französischen Stadien sind im internationalen Vergleich nicht mehr konkurrenzfähig. Dies soll sich nun ändern, denn in Frankreich wird derzeit gebaut was das Zeug hält. Bei der Transformation von Stadien zu Arenen wird der Privatsektor eine wesentliche Rolle einnehmen und den neuen Sportstätten nicht nur Geld, sondern auch ihre Namen geben.


Christian Gail
Siegen Allemagne

Champagner ist teuer und somit exklusiv, bleibt daher ein Genuss für besondere Anlässe. Ein solcher ereignete sich im November 2007 in Le Mans. Der Bürgermeister der Stadt unterzeichnete einen Vertrag mit der ansässigen Versicherungsgesellschaft Mutuelles du Mans Assurances (MMA). Gegenstand des Kontrakts ist das erste „Naming Right“ Frankreichs. Die Versicherungsgesellschaft bezahlt insgesamt 10 Millionen Euro an die Stadt und erhält im Gegenzug die Namensrechte am neuen Stadion. Die so getaufte MMArena wird 2009 fertig gestellt werden und dann den Fußballclub MUC 72 als Hauptmieter beheimaten. Die Stadt als Eigentümerin des Stadions erhält über die Vertragsdauer von 10 Jahren jeweils eine Million Euro per annum von der MMA. Damit werden etwa 10 Prozent der Bau- und Unterhaltungskosten für die MMArena aus dem Sponsoring finanziert.

Diese monetären Vorteile rufen auch weitere Interessenten auf den Plan, warum dem Beispiel Le Mans bald weitere „Naming Rights“ folgen dürften. Auch in Lyon befindet man sich in Gesprächen mit Investoren über die Vergabe der Namensrechte für das neue Stadion, das sich derzeit noch im Bau befindet. Entsprechende Geldgeber zu finden ist nicht schwer, denn das Werbetool „Naming Rights“ erfreut sich bei Werbern großer Beliebtheit. Für einen vergleichsweise geringen Kostenaufwand erreicht der Sponsor eine hohe „awareness“, wie es in der Marketingsprache heißt. Umso erfreulicher für interessierte Investoren ist es daher, dass sich die Stadionlandschaft gerade stark wandelt und sich dadurch neue Möglichkeiten für Investments erschließen. Denn Frankreich erlebt gerade einen wahren Bauboom.

Hintergrund ist die Bewerbung Frankreichs für die Fußballeuropameisterschaft 2016. Wie ein Bericht von Philippe Séguin feststellt, die dem Premierminister François Fillon vorgelegt wurde, sind die französischen Stadien im Vergleich zu Deutschland und England nicht konkurrenzfähig. Beflügelt von der Bewerbung werden dem Bericht zufolge derzeit 35 Stadien renoviert oder komplett neugebaut. Dafür werden erhebliche Summen notwendig sein, die der Direktor von Sport+Markt Frankreich, Olivier Michel auf etwa 2 Milliarden Euro alleine für die Stadien schätzt. Kein Wunder also, dass öffentliches Interesse besteht, diese Kosten auch auf private Schultern zu verteilen.

Eine Entwicklung, die erst durch ein Umdenken der Politik möglich wurde. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, befinden sich die Stadien im Besitz der Gemeinden, wo lokale Politiker die Veräußerung des Namensrechts bislang als zu kommerzielles Interesse ansehen würden, wie Michel feststellt. Während die Fußballclubs eine zunehmende Professionalisierung an den Tag legen, fehlt es in der Lokalpolitik noch an der entsprechenden Business-Orientierung. Dass sich das Tool „Naming Rights“ dennoch auf dem Vormarsch befindet, liegt für den Experten an der Wahl Sarkozys, der den möglichen Beitrag des Privatsektors im öffentlichen Interesse sehen würde.

Das Denken in wirtschaftlichen Kategorien ist in anderen europäischen Ländern bereits weiter fortgeschritten als hierzulande. In Deutschland beispielsweise sind bereits 12 der 18 Bundesligastadien nach einem Sponsor benannt. Eine Entwicklung die dort nicht überall auf Sympathien stößt. Widerstand regt sich vor allem aus dem Lager der Anhänger, für die der Verkauf des Stadionnamens dem Ausverkauf der eigenen Tradition gleichkommt. In Rostock und Nürnberg haben Fans massiv gegen die kommerzielle Namensänderung protestiert, letztlich jedoch ohne Erfolg. Auch Michel mahnt, dass die Sorgen um das Verhalten traditionsbewusster Fans in der Regel berechtigt seien, aber die Entwicklung der letzten Jahre gezeigt hätte, dass sich die Anhänger durchaus schnell an einen neuen Namen gewöhnen könnten. Diese Einschätzung zeichnet sich momentan in Le Mans ab. Von Protesten ist bislang nichts zu hören, im Gegenteil sei man stolz, noch vor der großen Konkurrenz aus Lyon als erster ein „Naming Right“ zu besitzen, wie André Boivent, Mitglied des Fanclubs Manseau 12 berichtet.

Während das Naming zumindest von einem Teil der Anhänger als Sinnbild für den Ausverkauf gesehen wird, schlägt sich die Professionalisierung des Sports auch in der Architektur der neuen Stadien nieder. Auf die Transformation von Sportvereinen zu Wirtschaftsunternehmen folgt ebenso die Transformation von Stadien zu Arenen. Die Sportstätten dieses neuen Typs sind multifunktional, in Peripherien gebaut und bieten neben den billigen Plätzen auch Logen für die zahlungskräftige Kundschaft. Die exklusiven Kabinen werden häufig vom Sponsor selbst genutzt, um Geschäftsbeziehungen zu pflegen und sind vom muffigen Tribünengeruch durch verspiegelte Fenster abgetrennt. Für Kritiker manifestiert sich die Entfremdung des Sports vom Fan in der Architektur der neuen Arenen. „Es sind Pilgerstätten für einmal oder zweimal die Woche mit riesigen Parkplätzen davor. Sie sind austauschbar. Man könnte sie überall hinbauen, weil sie längst den Bezug zu den Lebenswelten der Bewohner, der Fans verloren haben", kritisiert der Schweizer Architekt Eraldo Consolascio in der deutschen Tageszeitung taz. Wie die Zeitung weiter schreibt, sei durch die neue Sportstättenarchitektur der Fußball salonfähig geworden „und die Zeit, in denen Stadien als klassenlose Kommunikations- und Identifikationszentren der Fans verstanden wurden, spätestens seit der WM 2006 vorbei.“

Champagner ist teuer und daher nicht für Jedermann. Die Exklusion hat im modernen Sport auch die Stadien erreicht. In Deutschland wurde dies auf einer legendären Mitgliederversammlung gewahr, als ein erboster Fan des FC Bayern München medienwirksam zu Protokoll gab, dass man „mit Champagnergläsern eben keine La Ola machen kann“. Er spielte damit auf die schlechte Stimmung im knapp 70 000 Zuschauer fassenden Stadion an, zu der die 200 Logenplätze ihren Teil beisteuern. Ebenso wie die MMArena in Le Mans trägt auch die Münchner Allianz Arena den Namen einer Versicherungsgesellschaft. Die MMArena in Le Mans wird übrigens 250 Logen haben. Hinzu kommen 2000 VIP Plätze bei einer Gesamtkapazität von 25 000 Plätzen. Prost!

Rédacteur :
Timo Euteneuer, Leipzig Allemagne